STKKP • OBSERVER

Seit ihrer Gründung vor über dreißig Jahren hat sich die deutsche Electro-Pop-Formation DE/VISION zu einem der vielseitigsten wie beständigsten Vertreter ihres Genres entwickelt und kann auf eine weltweite Fangemeinde zählen, die nicht nur durch unzählige, auf diversen Best-of-Compilations vereinten Hits, sondern auch durch ausgiebige Tourneen aufgebaut wurde.

Nach ihrem letzten, 2018 veröffentlichten Album Citybeats mussten sich auch DE/VISION mit der Herausforderung auseinandersetzen, dass die Corona-Pandemie nachhaltige Spuren in der Musiklandschaft hinterlässt. Das anhaltende Wegbrechen der Konzert- und Festival-Szene hat nicht nur die Art der Präsentation und des Konsums von Musik verändert, sondern auch Räume freigesetzt, Projekte anzugehen, für die in der Routine von Album-Produktionen und Tourneen vielleicht nicht die Zeit und Ruhe dagewesen wäre. So hat sich nach über dreißig Jahren auch DE/VISION-Frontmann Steffen Keth dazu entschlossen, einen langgehegten Traum zu verwirklichen, nämlich ein rein instrumentales Album einzuspielen.

Unter dem Projektnamen STKKP, dass für die (erweiterten) Initialen von Steffen Keth und seinem Partner, dem langjährigen DE/VISION-Remixer und -Produzenten Ken Porter (Intuition), steht, erscheint mit OBSERVER ein Album, das zwar die von DE/VISION vertrauten elektronischen Sounds präsentiert, die aber hier zu einem einzigen langen Stück mit einer besonderen atmos­phärischen Dichte und Wirkung geformt wurden. Es stellt damit eine konsequente Fortsetzung der kompletten instrumentalen Versionen, die DE/VISION den limitierten Editionen ihrer 2016 erschienenen Alben 13 und 13 (Extended) beigelegt haben.

„Ich habe schon immer gerne instrumentale Tracks komponiert, und die Idee ein komplettes Instrumental-Album zu entwickeln hatte ich schon sehr lange. Den richtigen Zeitpunkt hatte ich persönlich aber noch nicht gefunden. Erst nach Beendigung von Citybeats war für mich klar, dass ich danach eine kreative DE/VISION-Pause einlegen wollte. Geplant war anfangs ein Soloalbum, aber diverse Umstände haben mich zu einem Umdenken bewogen“, berichtet Steffen von den ersten Impulsen zu diesem Projekt. „Die ersten Parts hatte ich schon 2019 geschrieben, da war aber noch nicht klar, welches Konzept sich bei mir durchsetzen würde. Ken hatte mich in diversen Gesprächen dazu ermuntert, endlich mal mein Soloprojekt zu verwirklichen. Anfangs hatte ich auch den Plan, ein Soloalbum mit Gesangsparts zu produzieren, aber ich merkte recht schnell, dass ich einen gewissen Abstand brauche. Jeder der mich kennt, weiß auch, dass ich die nötige Lust benötige, um kreative Dinge umzusetzen.“

Mit Ken Porter, der erstmals 2004 mit seinem Projekt Intuition einen Remix für DE/VISION angefertigt hatte, nach Aimee auch bei Flavour Of The Week, My Own Worst Enemy, Flash Of Life und Bipolar als Remixer tätig war und seit dem 2010er Album Popgefahr zunehmend in das Mastering und in die Produktion bei DE/VISION eingestiegen ist, hat Steffen schließlich den kongenialen Partner für seine Ambitionen gefunden.

Während Thomas Adam, der bei DE/VISION vor allem für die Texte zuständig ist, für dieses Projekt nicht in Frage kam und Steffen sich auch mal bewusst von dieser Konstellation abgrenzen wollte, hat Steffen die erste Lockdown-Phase dazu verwendet, das Arrangement zu entwickeln, um sich dann ganz ohne Zeitdruck mit Ken auszutauschen. Der Spaß an der Sache sollte für beide Musiker dabei ganz im Vordergrund stehen. Herausgekommen ist ein wunderbar atmosphärisch eindringliches Album, das den perfekten Soundtrack für eine Vielzahl innerer Bilder beim Hörer zu entfesseln vermag. Steffen und Ken ist es gelungen, fesselnde Harmonien, halluzinierende Soundcollagen, sphärische Klangdimensionen, pointierte Soundakzente und fast schon mantrische Rhythmen miteinander zu einem wunderwirkenden, buntschillernden und abwechslungsreich inspirierenden Soundtrack zu verbinden, der eine Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten eröffnet, von Space-Opera-Soundtracks bis zu Wohlfühl-Meditationen und dem wortwörtlichen „Inner Cinema“, dem Kino im Kopf.

Schließlich haben sich Steffen und Ken auch von ganz unterschiedlichen Musikern inspirieren lassen. Während Steffen auf der einen Seite von Brian Eno und Ludwig Göranssons Soundtrack zu Christopher Nolans Tenet beeindruckt war, sind es bei Ken eher Künstler wie Jon Hopkins und Ulrich Schnauss, die ihre Spuren im weitesten Sinne auf OBSERVER hinterlassen haben.

Beide Künstler haben vor allem die Freiheit genossen, mal außerhalb des vertrauten wie restriktiven Rahmens eines Pop-Songs arbeiten zu können. „Bei einem klassischen Popsong gibt es nun mal gewisse Vorgaben, die ich auch für gerechtfertigt halte. Ich liebe Popsongs, aber ich liebe es auch zu experimentieren. Bei STKKP steht das Experimentieren im Vordergrund, auch wenn wir hier sehr viel Wert auf gute Melodien legen. Uns bleibt aber einfach viel mehr Raum und Zeit, dies zu verwirklichen. Einen 40-Minuten-Track zu kreieren, der auch einen gewissen Spannungsbogen beinhalten soll, benötigt eben dies“, betont Steffen, der selbst beim Komponieren Bilder im Kopf entwickelte.

„Die Sequenzen aus der Startphase des Tracks erinnerten mich immer an ‚Sparkling Stars‘, gefolgt von einem Part, den ich After Dark genannt hatte. Dies war auch der Grund, weshalb das Album den Titel ‚OBSERVER‘ trägt. Ich habe schon immer sehr gerne Dinge und mein Umfeld beobachtet und so Ideen für meine Musik gesammelt“, erklärt er dazu. Der anfänglich Plan, OBSERVER in kleinere Sequenzen aufzuteilen, wurde allerdings schnell aufgegeben. „Wir hätten so den fließenden Charakter zerstört. Der Hörer soll sich auf eine Reise begeben und – wenn alles funktioniert – 40 Minuten abschalten und genießen. Es ist eine musikalische Reise, die durch keine künstlichen Stopps unterbrochen werden soll. Der Hörer sollte sich die Zeit nehmen, diese Reise anzutreten.“

Die Chancen stehen gut, dass Steffen Keth und Ken Porter aka STKKP diese faszinierende musikalische Reise irgendwann fortsetzen. Das gelungen umgesetzte Konzept von OBSERVER lässt jedenfalls für die Zukunft einiges erhoffen!

Dirk Hoffmann