Im Interview: Helge Roewer

Von Marcel /  
 

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Man trifft sie auf fast jeder musikalischen Veranstaltung. Der eine hasst sie, der andere will nichts lieber als ihre Aufmerksamkeit: Konzertfotografen. Ein geheimnisvolles und durch und durch seltsames Trüppchen, wie sie da im Graben stehen mit ihren überlebensgroßen Kameras und Objektiven, stimmts?

Mieses Licht, viel oder auch gar keine Bewegung auf der Bühne und davor kein Platz im Gedränge zwischen all den anderen Menschen – Konzertfotografie ist nicht das einfachste Genre, das man sich aussuchen kann. Trotzdem halten viele fleißig aus dem Publikum ihre Knipsen hoch oder begeben sich als offizielle Fotografen in den Graben.

Es gibt wohl kaum eine Veranstaltung, auf der man ihn nicht begegnet. Helge Roewer (HR-Pictures, einer der Szene Fotografen schlechthin. Wir sprachen mit Helge über seine Arbeit.

Hallo Helge! Danke, dass Du Dir die Zeit für ein Interview nimmst. Zuerst einmal: Erzähl uns ein wenig von Dir und was machst Du neben der Fotografie?

Ich bin eigentlich Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik und bin da im Bereich Software tätig. Somit summieren sich Bildschirmzeiten am Ende des Tages, wenn man abends noch an zig Bildern arbeitet.

 

Was sind die Themen und Motive, Die Dich interessieren und was war der ungewöhnlichste Arbeitseinsatz, den Du je angenommen hast?

Ach, groß Ungewöhnliches gibt es eigentlich nicht. Man hat im Laufe der Zeit viel gesehen, was man aber auch nicht unbedingt festhalten muss und niemand weiter sehen sollte. 😉

Immer ganz besonders sind Bandshootings oder auch Hochzeiten. Da muss man im Gegensatz zu Konzerten großteils Anweisungen geben, was man ja bei Konzerten nicht hat.

Ganz besonders war ein Shooting von und mit der Band V2A, die mich extra nach England dazu eingeladen hat. Das Shooting war in nem alten Bunker, wo zum Teil der Strom ausfiel und wir mit Taschenlampen arbeiten mussten. Sind trotzdem tolle Pics dabei rausgekommen. Das ganze Wochenende war geprägt von wenig Schlaf und viel Getränken.


Die Konzertfotografie nimmt inzwischen einen großen Anteil Deiner Zeit und Arbeit ein. Erinnerst Du Dich an das erste Konzert, das Du fotografiert hast? Welche Show war es und wie war die Situation?

Das fing eigentlich recht klein an. Damals beim Studium in München hatte ich halt schon eine relativ gute Digitalkamera und Freunde von mir sind/waren Disco- und Konzertveranstalter und hatten mich gefragt, ob ich da mal ein paar Fotos machen wollte. Die ersten Shows waren damals 2005 And One und Melotron.

 

Wie bereitest Du Dich auf eine Show oder die jeweiligen Künstler vor?

Viele Bands hab ich ja schon mal vor der Linse gehabt und weiß meistens schon, wie sich die Leute auf der Bühne verhalten. Öfters schau ich vorher, ob der Sänger/die Sängerin Links- oder Rechtshänder ist, um gleich richtig zu stehen, dass nicht immer ne Hand vorm Gesicht ist.

Neue Locations schau ich ab und zu schon mal vorher im Netz an, um zu sehen, wie da die Situation für die Fotoleute ist und ob man ggf. außerhalb des Grabens noch nette Pics machen kann.

Ansonsten geht das meiste doch eher spontan, wie damals beim Bund „Leben in der Lage“.

 

Welche Möglichkeiten hast Du bei der Konzertfotografie, Dich fotografisch zu entwickeln? Im Gegensatz zu anderen Genres entzieht sich das, was vor Deiner Linse passiert, ja fast gänzlich Deinem Einfluss.

Ja, das ist quasi das Gute, da muss man keine Anweisungen geben und muss halt mit dem leben, was da auf der Bühne abgeht und der Lichtmann zaubert.

Durch geschickte Positionierung kann man dann aktiv versuchen, noch das Beste aus der Szene zu machen oder schönes Licht zu nutzen. Daher mag ich lieber Konzerte mit Graben, wo man sich ein Bisschen bewegen kann, als wenn man sich durch die Leute im Publikum durchquetschen muss oder nur an einer Stelle stehen kann.

 

Was war für dich der schönste Moment während einer Konzertfotografie?

Da gibt es eigentlich so viele Momente, sei es vorm Konzert, beim Konzert oder danach oder mal im Backstagebereich. Also gibt eigentlich ganz viele tolle Momente, an die man sich gerne zurückerinnert, also da jetzt einen gezielt aufzuzählen, ist schwierig.

Allgemein die Wertschätzung der „Arbeit“ ist immer schön, sei es von den Bands oder den Veranstaltern, Locations oder von den Fans, speziell in der ersten Reihe. Wenn man erkannt und begrüßt wird. Manche Bands spielen gern mit den Fotoleuten und posen extra oder bedanken sich und verabschieden einen sogar, wenn man aus dem Graben geht.

 

Gibt es etwas während der Arbeit, was Dich beschäftigt oder nervt?

Wie schon gesagt, Konzerte ohne Graben, wenn man sich mit dem sperrigen und schweren Geraffel überall durchquetschen muss. Man wird halt alt… 😉

Ansonsten kennen mich mittlerweile so viele vorn und wissen, dass ich nach ein paar Minuten eh wieder weg bin, da gibt’s wenig Stress oder Nerviges.

 

Welches Deiner Konzertfotos ist Dir besonders gut gelungen?

Puh, nach ca. 15 Jahren gab’s da schon einige ganz gute, da jetzt dezidiert eins rauszupicken, wird schwer.

Derzeit bin ich ein wenig beim Umbau und Verschlanken der Homepage, was doch wesentlich länger dauert und mehr Aufwand ist, als gedacht und dabei muss ich jede Galerie nochmal anfassen. Dabei fallen mir dann hin und wieder schon fast vergessene sehr schöne (aber auch schrottige) Pics auf.

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Welche Tipps kannst Du aus Deiner Erfahrung heraus geben, um den perfekten Moment auf einem Konzert einzufangen?

Schwer zu sagen, manchmal sind Konzerte gleich von Anfang an top, andere brauchen wiederum, dass der Funke überspringt und eine gewisse Stimmung und Interaktion zwischen Band und Publikum entsteht.

Jetzt aber die ganze Zeit mit dem Handy im Publikum zu stehen, um nen „perfekten Moment“ einzufangen, da bin ich kein Freund von.

 

Wie sieht die kreative Arbeit nach dem Konzert aus? Wieviel Zeit und Energie steckst Du in die Nachbearbeitung und wie hoch ist die Erfolgsquote Deiner Bilder?

Viel Zeit kostet allein die Auswahl aus zig Bildern und dabei schon zu überlegen, ob jedes ausgewählte Bild besser in Farbe oder Schwarzweiß aussieht. Die eigentliche Bearbeitung geht mittels ein paar gespeicherter Presets recht fix.

Je nach Band (Anzahl der Mitglieder), Licht und Location variiert die Quote der Bilder zwischen 10 und 20%, die in der Galerie landen.

 

Wie wichtig sind Konzert- oder Tourfotografen für Künstler und Künstlermanagement?

Ich denke, sehr wichtig. Die Leute kriegen durch Fotografen meist mehr zu sehen als im Publikum an sich. Auch für Rückblicke oder Dankes-Postings der Bands werden gern Bilder vom Abend oder Tour verwendet.

Mittlerweile kennt man so einige Veranstalter und Managements persönlich und hat öfters Kontakt, da kommt man dann auch mal etwas schneller an ne Akkri oder wird für Backstage oder Meet&Greet Fotos extra angefragt.

 

Würdest Du Beispiele Deiner Arbeit nennen?

Es sind schon einige Live-Bilder, aber auch Shooting Bilder in diversen CDs und DVDs enthalten. Mehrere Cover und Booklets von Beyond Obsession enthalten z.B. Pics von mir. Recht stolz bin ich auf die letzte Live DVD von Solar Fake, die im Februar 2020 im Täubchenthal Leipzig aufgezeichnet wurde und alle Bilder darin von mir sind.

 

Welche Einstellung an Deiner Kamera benutzt du am häufigsten? Welche Kamera und zusätzliche Ausrüstung verwendest du am häufigsten?

Nach über 10 Jahren Canon (damals noch analog, dann digital), bin ich 2015 komplett auf Nikon gewechselt. Hab mich mittlerweile mit der Marke angefreundet. Nach zwei mittlerweile doch schon alten digitalen Spiegelreflex (D750) hab ich jetzt eine alte DSLR abgegeben und mich zumindest erst mal mit einer neuen spiegellosen Systemkamera (Z6II) angefreundet. Der Technik und dem Bugdet sind da keine Grenzen gesetzt, macht aber auch nicht automatisch bessere Bilder.  

Da es bei mir nur Hobby ist und bleibt, bewege ich mich noch in nem kleinen bis mittleren Preissegment, was mir völlig ausreicht.

Zu einer Konzertfoto- Grundausstattung zählen Weitwinkel und Standard- und Telezoom-Objektive mit hoher Lichtstärke. Sehr erfreut bin ich grad über ein sehr tolles Fisheye-Objektiv, was nochmal ganz nette und neue Perspektiven eröffnet.

Spezielle Einstellungen kann ich gar nicht aufzählen, das variiert öfter nach Location oder ob es Open Air oder drinnen ist. Da findet jeder Kollege seine eigenen Einstellungen und Vorgehensweisen. Groß verraten wird da auch nix. 😉

 

Wie wichtig ist die Selbstvermarktung für Dich und welche Möglichkeiten oder Plattformen nutzt Du, um Deine Fotos mit anderen Usern zu teilen?

So groß vermarkte ich mich gar nicht, die Bekanntheit kam halt über viele Jahre. So richtig los ging es ab ca. 2011, als ich über Facebook etwas mehr Interaktion mit Bands, Veranstaltern und Locations erreichen konnte. Neben Facebook gibt’s noch die eigentliche Homepage und meinen Instagram-Kanal, der aber nicht ausschließlich Konzertfotos enthält.

 

Durch die Coronapandemie musstest du die Konzertfotografie zurückstecken und auf andere Optionen zurückgreifen. Wie war für Dich die konzertfreie Zeit und wie hast Du sie genutzt?

Irgendwie haben die doch schon wöchentlichen Konzerte, Events und Festivals gefehlt, dazu noch die langen Abende am Rechner beim Bearbeiten. Andererseits fand ich es grad auch sehr entspannend, abends mal nix zu tun und einfach mal was anderes zu machen. So lange war ich seit Jahren nicht mehr „am Stück“ in meiner Wohnung und hab bei Sightseeing Ausflügen so viel von Bayern gesehen, wie 10 Jahre davor nicht… 😉

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Hast Du Tipps für Anfänger der Fotografie? Für welche Hinweise wärst Du dankbar gewesen, wenn Du an Deine ersten Schritte zurückdenkst?

Grad heutzutage gibt es zig (preiswerte) Möglichkeiten, gute Bilder zu machen. Für Konzerte lohnen sich sehr lichtstarke Objektive, ggf. reicht erst mal eins mit Blende f/2.8, dann erweitert man immer mehr.

Am besten, man fängt bei lokalen Veranstaltungen/Veranstaltern und (ggf. befreundeten) Bands an, um sich dann „hoch“ zu arbeiten.

 

Vielleicht sollten wir den Lesern den Begriff Akkreditierung erklären.

Das eine Zulassung oder Erlaubnis, dass man bei einer Veranstaltung was machen darf, sei es nen Bericht schreiben oder Fotos machen.  Vom wörtlichen her ist es ja ein „Glauben schenken“ vom Veranstalter, Band oder Location. Also wird genau hingeschaut, sorgfältig überprüft und verantwortungsvoll beurteilt, ob die Anfragenden kompetent sind, gute Arbeit leisten können und Vertrauen verdient haben.

Wenn man sich dann im Laufe der Zeit nen gewissen Namen gemacht hat, klappt das meist auch mit Akkreditierungen. Oder man hat ein (digitales) Magazin im Background, dann geht es auch ganz gut.

 

Was treibst Du denn abseits der Konzertfotografie noch so, was interessiert Dich?

Ich hab viele Interessen, meist technische, wo der Ingenieur in mir durchkommt.

Seit der Coronazeit hab ich das Drohnenfliegen für mich entdeckt und baute das auch bei einigen Open Airs in meine Galerien ein. Viele Veranstalter waren sehr happy über ein paar Luftaufnahmen und bewegte Bilder des Geländes. Dafür hab ich dann auch den „großen“ Drohnen-Führerschein gemacht, um da auch mehr machen zu können und sicherer zu sein.

Weiterhin beschäftige ich mich intensiv mit Trends und Entwicklungen im Bereich Nachhaltigkeit und erneuerbare Energien. Seit Mitte 2020 fahr ich selbst elektrisch, mittlerweile schon 130.000 km und kann es nur empfehlen.

 

Welche Pläne hast Du für Deine fotografische Zukunft?

Groß Plane ich eigentlich, aufgrund der Arbeit eher etwas weniger Richtung Konzerte zu machen, was mir aber irgendwie nicht so gelingt. Aber ich verzichte derzeit schon häufig auf Events in der Woche aufgrund der Arbeit.

Privat würde ich gern mal (fotografisch) nach Island und nen Roadtrip zum Nordkap machen. Bei letzterem muss man dann schon mal 3-4 Wochen konzertfreie Zeit einplanen, was wieder schwerfallen wird.

 

Welche Künstler oder Bands hörst Du privat am liebsten?

Da gibt’s sooo viele, um sie alle aufzuzählen. Die meisten stammen aus der elektronischen Richtung. Mit zu viel Geschrammel oder Gekreische kann ich nix anfangen.

Speziell beim NCN Festival lern ich immer wieder Neues und Interessantes kennen.

 

Wir kommen langsam zum Ende unseres Interviews. Was möchtest Du unseren Lesern noch mit auf den Weg geben?

Unterstützt weiter Eure Bands, Veranstaltungen und Locations, die haben es in der Zeit nach Corona und jetziger Preiserhöhungen echt schwer, sich zu halten.

Wir sehen uns bestimmt auf dem einen oder anderen Event in 2023!

 

Lieber Helge, wir danken Dir für das Gespräch und wünschen Dir alles Liebe und weiterhin viel Spaß in deinem kreativen Schaffen.

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Fotos: Helge Roewer (hr-pictures.de) // Kristin Hofmann (fotokatz.de)