Im Interview: Hearhere

 

Hearhere, das sind Crystin und Marco aus Düsseldorf/Köln. Beide lernen sich 2006 zufällig im Internet kennen und schließen sich im Sommer 2007 als Band zusammen.

Die erste EP „Breathing“ erscheint, die ersten begeisterten Stimmen rufen nach mehr..Hearhere schreiten ihren Weg voran, glaubt man, doch dann kommt alles anders. Persönliche Schicksalsschläge lassen es ruhiger werden um die Band. Ist das schon das Ende bevor alles richtig begann…?

Doch 2011 erwacht Hearhere zum neuen Leben. Ganz langsam wagt man sich zurück zum Herzensprojekt Hearhere und veröffentlicht mit dem Adamski-Cover zu „Killer“ das erste Lebenszeichen nach einer langen Schaffenspause.

2012 und 2013 entstehen Remixe für De/Vision und die Arbeiten an ihrem ersten Album schreiten voran und im Sommer 2014 ist es dann endlich soweit, Hearhere veröffentlichen ihr Debütalbum. Damit Ihr noch mehr über die Band erfahrt, haben wir ein Interview mit Crystin und Marco geführt.

 

Hallo ihr Lieben, vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für uns nehmt! Beschreibt doch Hearhere mit kurzen Worten für alle, die euch noch nicht kennen.

Crystin:

So richtig vermag ich unsere Musik nicht zu beschreiben. Sie vereint eine zarte und eine wütende Seite, wobei das Wütende sich manchmal gerade hinter den musikalisch eher sanfteren Parts verbirgt.

Für mich persönlich bedeutet Hearhere aber auch musikalische und gedankliche Verbundenheit.

Marco und ich kennen uns eigentlich nur über die Musik. Aber das Teilen einer musikalischen Welt geht in unserem Fall tatsächlich einher mit oftmals übereinstimmenden Gedanken, was den Blick auf die Welt oder die Einordnung bestimmter Strukturen, in denen wir Leben, angeht. Insofern ist Hearhere auch Trost und Verstandenwerden. 

Marco:

In wenigen Worten ist immer schwierig. Ich denke unsere Essenz ist nachdenkliche elektronische Popmusik von zwei introvertierten Enddreißigern, die unheimlich viel mit sich und der eigenen Umwelt zu kämpfen haben. Wobei das ja für jeden Menschen eine ganz eigene Bedeutung haben kann, sowohl der Begriff Popmusik, als auch der Begriff „kämpfen“. Aber es umschreibt zumindest das, was wir in Hearhere sehen. Ich kann mich allerdings nur schwer in unsere Hörer reinversetzen, ich weiß selten, was die darin sehen. Jemand hat mal über unser Album gesagt, dass es ihm den Tag versaut hat, aber dass sich das selten so gut angefühlt hat. Da denke ich heute noch drüber nach, ob das jetzt gut oder schlecht ist.

 

Ihr habt im Juni euer Album veröffentlicht. Könnt ihr erklären, wie es sich für euch angefühlt hat nach so einer langen Zeit, die sicher nicht immer einfach für euch war, am Ziel angelangt zu sein?

Crystin:

Der Release war der Abschluss einer langen Etappe. Es fühlte sich richtig und gut an, genau an dieser Stelle loszulassen. Die Aussagen des Albums entsprachen trotz der langen Entstehungszeit genau dem, was wir gerade dachten und sagen wollten. Es ist toll, etwas zu veröffentlichen, dessen Inhalt man ohne Einschränkung exakt noch so empfindet.   

Marco:

Als das Master endlich draussen war, hat sich das natürlich besonders angefühlt. Man ist extrem nervös, gerade weil man nicht weiß, was danach passiert, wie die Leute es aufnehmen, ob es überhaupt irgendwer wahrnimmt.  Aber es hat sich auch nicht unbedingt nach einem abgeschlossenen Kapitel, sondern eher nach einem neuen angefühlt. Was man völlig unterschätzt, ist, wie lange man im Nachhinein noch mit der ganzen Sache zu tun hat - das muss ja alles beworben und vermarktet werden, man führt Interviews, bekommt Feedback aus unterschiedlichsten Ecken. Und irgendwie wächst man dann mit dem Album und mit den Songs noch stärker zusammen. Ich fand das früher immer extrem kitschig und naiv, wenn Musiker von ihren „Babys“ sprechen, wenn sie über ihre Songs reden. Heute weiß ich genau, was damit gemeint ist - man lässt seine Kinder ausziehen, und sieht dabei zu, was aus ihnen wird. Bestenfalls ist man am Ende stolz auf die eigene, verzogene Brut. ;-)

 

Man merkt dem Album an wie viel Zeit und Arbeit ihr dort hineingesteckt habt. Könnt ihr uns etwas über den Entstehungsprozess erzählen?

Crystin:

Dieses Album war zu keiner Zeit ein auf dem Reißbrett entworfenes Gebilde. Während der ganzen Jahre hat es uns begleitet. Einige Songs haben wir verworfen - einige überarbeitet. Ein paar der verworfenen Songs meldeten sich am Ende des Arbeitsprozesses wieder zurück und waren plötzlich aktueller und wichtiger als damals und damit gesetzt.

Marco:

Es war ja schon immer klar, dass wir irgendwann dieses Album machen würden, aber es gab kein Konzept oder eine thematische Klammer. Ich sehe es wirklich eher als unsere Chronik der letzten 6 Jahre, und genau so sind die Songs auch entstanden. Das waren immer Momentaufnahmen der Dinge, die uns privat beschäftigt und nachdenklich gemacht haben. Ich kann zum Beispiel genau raushören, bei welchen Songs ich einschneidende Erlebnisse hatte, die mir die Laune vermiest haben. Klingt theatralisch, aber die meisten Songs sind immer mit irgendeinem Drama oder einer Veränderung verbunden, und so entstehen sie glaube ich auch - wenn irgendwas privat unrund läuft oder plötzlich ungewohnt ist und dich zum nachdenken bringt, ist das der ideale Moment für einen neuen Hearhere-Song. Deshalb hat’s wahrscheinlich 6 Jahre gedauert - uns geht es ja nicht jeden Tag schlecht. ;-)

 

Crystin, ich habe in einem früherem Interview gelesen das Marcos Rohentwürfe für dich die perfekte Inspiration sind. Ein sehr schönes, treffendes Zitat von dir war „Er ist die Basis und ich darf Häuser drauf bauen“. Wie kann man sich den fortlaufenden Prozess eurer Arbeit ungefähr vorstellen?

Meist schickt Marco einen rohen Entwurf - manchmal nur 45 Sekunden pochende Beats und Bässe. Für mich ist das tatsächlich die perfekte Inspiration: Melodien aller Art, Texte, neue Strukturen durch kuriose Schnitte - sie kommen mir sofort in den Kopf und werden alle festgehalten. Wir wissen glaube ich manchmal selber nicht so recht, wie die Songs passieren. Fakt ist aber, dass Marcos analoge Technik unseren Sound zu einem großen Teil ausmacht. Das Meiste davon ist nicht reproduzierbar und so erscheint uns Manches im Nachhinein wie ein seltsames Außerirdischen-Geschenk.

Manchmal schwirrt mir ein Thema auch schon lange im Kopf rum und sucht seine "Ausdrucksform".

Die Essenz mag auch immer pur mit einem Klavier oder einer akustischen Gitarre funktionieren, aber die Dringlichkeit, diese Idee in die Welt zu lassen, entsteht manchmal eben erst, wenn die elektronische "Haut" gefunden ist.

Marco:

Der Prozess bei den Entwürfen und Skizzen hat sich in den letzten Jahren extrem gewandelt. Die Ausgangslage ist meist gleich: ich hab eine musikalische Stimmung im Kopf und versuch die dann irgendwie in einen Sound zu verpacken. Früher hab ich dann meist stundenlang nach Sounds gesucht, die passen, und hatte dementsprechend viele Synthesizer und vor allem Plug-Ins um mich herum, auf denen ich mich austoben konnte. Nur war das irgendwann einfach nicht mehr meins, dieses ewige rumklicken, das ja unheimlich viel Zeit in Anspruch nimmt und dir jegliche Spontanität und Kreativität raubt. Und es widersprach unserer Idee, einen ganz eigenen Klang zu haben - deshalb hab ich mich in den letzten Jahren mehr und mehr von den üblichen Instrumenten und Plug-Ins und von der dadurch vorgegebenen Arbeitsweise verabschiedet. Heute steht da nur noch ein immer größer werdendes Monstrum an Modular Synthesizer. Das sind diese großen, teils analogen Kisten mit unzähligen Knöpfen und Blinklichtern und Kabeln, die mehr nach einer Telefonzentrale als nach einem Instrument aussehen. Das schöne daran ist, dass man damit von Anfang an völlig frei an Sounds herangehen kann, wie auf einer Reise. Du startest irgendwo, und weißt nicht, was am Ende rauskommt. Und dass man extrem limitiert ist - kein Display, kein Abspeichern, kaum Midi, keine vorgefertigten Klänge, die man schon auf tausend Alben gehört hat. Heute fängt der Prozess also meist damit an, dass ich eben an dieser Kiste sitze, und versuche, das, was ich gerade fühle mit diesem einen Instrument von Grund auf aufzubauen und zum Ausdruck zu bringen, es dann aufnehme und Crystin schicke. Deshalb ist unsere Musik irgendwie handgemacht, auch wenn Sie elektronisch ist.

 

Eure Texte sind oft düster oder haben einen traurigen Hintergrund. Wo findet ihr die Themen und Inspiration dafür?

Crystin:

Wir selbst empfinden uns gar nicht als so dunkel. Die meisten Texte schildern Gedanken, die irgendwie auf der Hand liegen: Dass wir den Anderen nie 100 % erreichen und begreifen können (Shadows Of The Ones We Love), ist leicht belegbar. Wir sind nicht der Andere. Fakt. Und zwischen uns und dem Anderen liegen deshalb Meere von Gedanken und Erlebnissen, die uns trennen. Die Sehnsucht nach Verbundensein ist m.E. paradoxerweise umso größer, je mehr wir diese Tatsache anerkennen. 

In einigen Texten spiegelt sich wohl auch einfach das Erstaunen und die Wut darüber wieder, dass der Tod hingenommen werden muss. Darin liegt natürlich etwas elementar Untröstliches.

 

Ja… und "der Schein" beschäftigt uns sehr. Er ist in den letzten Jahren so übermächtig geworden, dass es uns glaube ich ein Bedürfnis war, ihn zu thematisieren.

Gedanken zu all diesen Themen sind natürlich schon von sehr vielen Köpfen auf großartige Weise ausgeführt worden. Wir bringen da textlich eher offene Fragmente.

Den Rest an "Ausformulierung" übernimmt hoffentlich die Musik.

 

Heutzutage spielt sich ja vieles über das Internet ab, oft kritisiert, allein was illegale Downloads etc.  angeht. Aber es gibt auch gute Seiten, Dave Gahan hat sich beispielsweise bei seiner Zusammenarbeit mit den Soulsavers über das Internet ausgetauscht, oder auch Martin Gore & Vince Clark mit ihrem Project VCMG. Kann man sagen, dass das Internet für euch ein Segen war, ohne den ihr vielleicht musikalisch nicht zueinander gefunden hättet?

Crystin:

Ja, so kann man das durchaus sehen. Wir wären uns wohl höchstens in unseren "everyday jobs" begegnet. Und sicher wäre es in diesem Rahmen schwer gewesen, eine musikalische Verbundenheit sofort zu erkennen. Insofern war das Internet für uns ein Segen. 

Marco:

Wie Crystin schon sagt, wir wären uns sicher beruflich irgendwann über die Wege gelaufen - witzigerweise ist das im letzten Jahr sogar mal passiert. Aber privat hätten wir uns nicht zusammengefunden, wenn das Internet nicht gewesen wäre. Das liegt mitunter auch daran, dass wir beide eher introvertierte Typen sind, die gerade wenn es um Emotionen geht eine gewisse Distanz brauchen. Darüber hinaus würde uns auch niemand kennen, wenn es das Internet nicht gäbe, weil wir ja so gut wie nie in der Öffentlichkeit auftauchen.

 

Ihr habt im Jahre 2011 zur De/Vision-Single “Ready to die” einen Remix beigesteuert, dem in den darauf folgenden Jahren weitere folgen sollten, wie kam es denn damals zu der Zusammenarbeit?

Marco:

Der Sven von Depechemode.de hat 2008 zu unserer ersten EP ein Feature gebracht, und ich glaube, Steffen und Thomas sind da irgendwie auf uns aufmerksam geworden, die fanden uns irgendwie gut. Es gab dann mal die Idee einer gemeinsamen Tour, aber da wir zum einen nicht wirklich auf die Bühne wollten, zum anderen genau zu der Zeit Aufgrund eines privaten Schicksalsschlags Hearhere auf Eis legen mussten, hatte sich das irgendwie erübrigt. Als dann drei Jahre später „Popgefahr - The Mix“ in der Mache war, bat uns Steffen um einen Remix, und wir haben dann sogar zwei abgeliefert. „Ready to die“ - den ich immer noch sehr liebe, und den De/Vision ja zwischenzeitlich sogar im Liveset hatten, was sich extrem gut angefühlt hat; und „Until the end of time“, auf dem Crystin dann mitgesungen hat, was ja eher untypisch für einen Remix ist. Daraus ist dann letztlich auch die Idee entstanden, dass Crystin auf „Brotherhood of man“ mitsingt, was natürlich der Hammer war. Danach haben wir uns dann noch an „Stargazer“ und „Bipolar“ austoben dürfen - was beides ebenfalls sehr viel Spaß gemacht hat, weil es zum einen natürlich immer wieder spannend ist, in die Arbeitsweise anderer Bands reinzuschnuppern, und weil zum anderen die Musik der beiden eben einfach gut ist. Ich warte ja jetzt immer noch drauf, dass wir irgendwann mal den Adelsschlag in Form eines De/Vision-Remixes zu bekommen, aber die beiden remixen ja nur ganz selten andere Bands. Könnte man vielleicht einen Deal draus machen: De/Vision-Remix gegen Hearhere-Livegig oder so … ;-)

Crystin: Was mich zutiefst beeindruckt hat - auch beim Videodreh - , war die Ernsthaftigkeit und die Professionalität, mit denen Steffen und Thomas nach so vielen Jahren immernoch höchste Qualität abliefern. Sie sind meinem Eindruck nach sehr straight, haben ein echtes Anliegen, machen IHR Ding - ohne sich nach kurzlebigen Moden zu richten… Das ist außergewöhnlich und bewundernswert.

 

Wie sehen eure Pläne für die Zukunft aus?  Gibt es bereits Ideen für ein zweites Album und  wird man euch in Zukunft auch Live erleben dürfen?

Marco:

Diesmal wird es definitiv keine 6 Jahre bis zum nächsten Album dauern. Wir haben für unser nächstes Projekt bereits 3 Songs fertig im Kasten, die das, was wir auf „Shadows of the ones we love“ angefangen haben, noch ein bisschen weiter treiben. Es wird experimenteller, filmischer und auf jeden Fall spannend. Und ich bin sogar optimistisch, dass wir bereits 2015 ein neues Album rausbringen werden. Darüber hinaus arbeiten wir immer noch an einer „Visual EP“. Die Idee kam nach dem Videoclip zu „Fascinator“, der ja auf einem Kurzfilm von Phillip Berg basiert - seines Zeichens ein extrem talentierter Regisseur und Kameramann, der unter anderem für Holllywood-Produktionen arbeitet. Da der sich zwischendurch immer noch künstlerisch austobt, wollen wir gemeinsam eine Geschichte über Geburt, Sex und Tod rausbringen, die dann in Form von drei sehr langen Songs mit den dementsprechenden Videos einen ganzen Film ergibt. Das läuft aber tatsächlich nur nebenher. Was das Live-Debüt angeht: wir sind nach wie vor nicht abgeneigt, es zumindest einmal auszuprobieren. Aber bisher hat sich die richtige Gelegenheit noch nicht ergeben. Hearhere ist introvertiert, da ist vieles für den Kopfhörer, für das Auto, für den Moment mit Dir selbst gemacht. Müsste man das plötzlich auf einer Club-PA mit hundert Menschen teilen, wäre es nicht mehr das, was es sein soll. Damit will ich nicht sagen, dass wir niemals live spielen werden, oder dass wir uns zu schade dafür sind. Aber ich glaube, wir müssten dafür einen Kontext finden, der zu der Musik passt; ein Museum, einen Puff, eine Kirche, eine Fabrikruine oder irgendwas in der Art. Solange wir dafür noch keine Idee und vor allem auch keine Ressourcen haben, bleibt das Projekt Hearhere-live erstmal im Hinterstübchen. Aber das kann ja alles noch kommen.

 

Crystin, Marco…wir danken euch sehr für dieses Interview und wünschen euch für euren weiteren Weg nur das Beste und alles Gute.