Im Interview: Crystin Fawn
Crystin – aka Crystin Fawn - ist Singer/Songwriterin, Komponistin für elektronische und akustische Musik. Ihr musikalisches Spektrum reicht von puristischen Solo-Stücken über elektronische Tiefen bis hin zu strahlenden Popsongs. Seit 2003 schreibt und produziert sie außerdem Musik für Film, Theater und Architektur-bzw. Licht-Inszenierungen. Sie ist jeweils eine Hälfte der Band „the sea & the sun“ und des Electro-Projekts „Hearhere“, arbeitete u.a. zusammen mit Fab Samperi, Lemongrass, Dead Guitars, The Wide, Stargazer, Akmusique, Thomas Kessler, De/Vision, Michel Van Dyke, etc. Ihre Heimatstadt Düsseldorf zeichnete sie mit dem Förderpreis Musik/Komposition aus. 2018 produzierte sie zwei offizielle Remixe für Die Fantastischen Vier.
Nach vielen Jahren war es für uns einmal mehr wieder an der Zeit mit der wunderbaren Crystin über Musik und das Leben zu plaudern.
Hallo Crystin, ich freue mich sehr, dass wir nach sehr langer Zeit wieder ein gemeinsames Projekt verwirklichen. Wie du weißt arbeiten wir gerade an einem Buch über DE/VISION und da darfst du natürlich nicht fehlen.
Weißt Du noch, wann Du das erste Mal mit Musik in Berührung gekommen bist?
Musik war immer da – so lange ich denken kann. Natürlich hat man als kleines Kind erstmal nicht die Möglichkeit, seinen eigenen Sound zu finden. Ich erinnere mich an lange Autofahrten, auf denen unser Vater vor allem die Beatles und amerikanische oder britische Singer-Songwriter laufen ließ. Ich denke, es kann schlechtere Einstiege geben...
Hast du eine feste Routine oder leben deine Werke eher von spontanen Einfällen?
Im Grunde plane ich wenig. Während meine Songs früher oft einen persönlichen Hintergrund, oft auch einen bestimmten Adressaten hatten, geht es heute mehr um die genaue Beobachtung, Geschichten naher Menschen, manchmal einfach um das Schaffen von Soundwelten. Es ist befreiend, sich in unterschiedlichen Genres zu bewegen und nicht nur die eigene Biografie, bzw. die Gedanken dazu musikalisch auszuformulieren.
In den letzten Monaten hast du unglaublich viel veröffentlicht. Ich weiß, das ist mehr als nur ein Job für dich. In deiner Arbeit steckt immer sehr viel Herzblut und Gefühl. Was treibt dich nach wie vor an, weiter Musik zu machen, gerade auch jetzt in diesen schwierigen Zeiten?
Musik zeichnet sich ja dadurch aus, thematisch eigentlich alles – gut wie schlecht und alles dazwischen – beinhalten zu können. Eine wirkliche Blockade hat es Gott sei Dank nie gegeben. Musik ist ja neben den Menschen, die Du liebst, oft die Rettung. Es gibt allerdings ab und zu Zeiten, in denen man die Sinnhaftigkeit, die eigenen Stücke nach außen zu tragen, in Frage stellt.
Am Ende ist Musik aber Kommunikation und die funktioniert eben nur über andere / mit anderen.
Erzähl uns doch etwas zu deinen letzten Veröffentlichungen, vor allem über deine Arbeit mit Sebastian und eurer gemeinsamen Band THE SEA AND THE SUN. Den aktuellen Song What Matters habt ihr in der Zeit der "sozialen Distanz" aufgenommen. Wie kann man sich die Zusammenarbeit zwischen euch beiden vorstellen?
Mein Bruder war und ist der wichtigste Partner, was Musik angeht. Wir haben sehr früh angefangen, uns gegenseitig musikalisch zu „missionieren“ - d.h., wenn einer von uns großartige neue Musik entdeckt hatte, wollten wir den anderen von der Güte dieser Musik überzeugen. So gab es wenig Stillstand auf der musikalischen Reise. Wenn wir miteinander sprechen, geht es auch heute sehr viel um Musik, um unsere eigene – aber eben auch viel um neue Entdeckungen.
Was unsere eigenen Songs betrifft, so gehen wir sehr behutsam mit den Ideen des jeweils anderen um. Wir sind beide Fans des „einfach komplexen“ Songwritings – d.h. wir sind wirklich begeistert von Chords und Melodien, die ins Ohrgehen und bleiben. Andererseits lieben wir den „dramaturgisch zu Ende komponierten Song“ mit überraschenden Wendungen und Sounds, die vielleicht auch genrefremd sind.
In der Zeit, in der wir uns nicht sehen konnten, lag es nah, endlich die Songs anzugehen, die es als Demo bereits gab. What Matters war einer dieser Tracks. Wir mochten ihn immer und fanden ihn textlich sehr passend für die Zeit.
Die praktische Zusammenarbeit ist über Filehosting-Dienste ja sehr leicht geworden. Man kann gemeinsam und gleichzeitig an einem Song arbeiten. Sebastian und ich treffen uns dann sozusagen online im Proberaum.
Insgesamt kann man sagen, dass das gemeinsame Arbeiten an der Musik, die räumliche Distanz geschrumpft hat.
Der Ausbruch des Corona Virus bewegt in diesem Jahr die ganze Welt. Kontaktsperren, Unternehmen haben ihre Arbeit eingestellt, Geschäfte sind geschlossen. Auch die Musikindustrie hat hart darunter zu leiden. Wie erlebst du die momentane Situation.
Die momentane Situation ist vor allem für die Menschen sehr schwer, die ihren Lebensunterhalt mit Live-Shows verdienen – und für alle Berufsgruppen, die von regem Publikumsverkehr leben. Von den Einnahmen aus Streaming und wenigen CD-Verkäufen können die meisten Musiker nicht leben. Die staatlichen Hilfen fangen die Wenigsten auf. Ehrlich gesagt bin ich ziemlich ratlos, wie und wann es live genau weitergehen soll.
Da ich selbst - zumindest künstlerisch – nicht in erster Linie vom Live-Geschäft lebe, bin ich nicht so stark betroffen wie viele andere. Dass Veranstaltungen und Filme einfach nicht stattfinden bzw. produziert werden, hat aber natürlich auch Folgen für Menschen wie mich, die eher im Studio arbeiten. Ich versuche, viel Musik zu veröffentlichen und eben auch Nischen zu finden. Musik wird am Ende doch immer ersehnt und gebraucht - auch um bestimmte Atmosphären zu schaffen. Einige Projekte funktionieren. Dafür bin ich sehr dankbar.
Dank eines HEARHERE Remixes für das Album „Popgefahr“ wurden DE/VISION auf deine Stimme aufmerksam und hatten im Jahr 2012 die Idee, dass beim Stück Brotherhood of Men eine Frauenstimme sehr gut dazu passen könnte. Und so kam es dann auch, wie ich finde eine tolle Entscheidung, dass man sich an dich erinnerte und dich für diesen Song mit ins Boot holte. Kannst du dich noch an die Zusammenarbeit zu diesem Song erinnern?
Die Zusammenarbeit war denkbar unkompliziert. Steffen und Thomas haben den Track geschickt und keinerlei Vorgaben gemacht. Da ich den Track wirklich cool und wichtig fand, lag es auf der Hand, sofort loszulegen. Ich habe meine Ideen den Jungs zurückgeschickt und sie haben diese fabelhaft eingemischt.
Ihr habt auch einen sorgfältig inszenierten Clip zum Song gedreht. Wer dich kennt weiß das du eigentlich recht selten in Videos in Erscheinung trittst. Am Ende ist ein fantastisches Video herausgekommen. Wie hast du den Dreh mit den Jungs in Erinnerung?
Es war ein konzentrierter, aber auch lustiger Dreh. Der Regisseur hatte sehr genaue Vorstellungen und Steffen und Thomas haben sehr professionell „gespielt“. Begeistert waren wir alle von Marija Unkind, die den beiden Protagonisten am Drehtag, ein beeindruckend düsteres Aussehen verliehen hat.
Was wünschst du dir persönlich und für die Musikbranche für die Zukunft?
Das ist eine gute, eine große Frage. Natürlich hoffe ich, dass die Arbeit von Musikern, Autoren, Komponisten - von Künstlern insgesamt - einen ganz anderen Stellenwert in unserer Gesellschaft bekommt. Es wäre zu wünschen, dass Einnahmen – bspw. aus Streamings -, gerechter an die jeweiligen Urheber und Künstler ausgezahlt würden und die gesamte Nutzung von Musik im Netz transparenter dargelegt würde.
Außerdem wünsche ich mir einfach eine tiefere Verbindung zwischen Kunst und Gesellschaft insgesamt.
Crystin, ich danke dir sehr für das Gespräch, und wünschen dir und deiner Familie nur das Beste und vor allem Gesundheit.
Lieber Marcel, vielen Dank - das wünsche ich Dir auch!