Im Interview: Sebastian Stolle u. Heiko Schröder (POPoNAUT)

von Marcel /

 

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POPoNAUT – Das ist ein in der Szene äußerst beliebter Online-Shop für elektronische Musik und Konzert-Tickets. Wenn es um neueste Veröffentlichungen, Raritäten aus den Bereichen Synthiepop, Wave, Gothic, EBM, Electro, Industrial, usw. geht ist POPoNAUT inzwischen für sehr viele die erste Anlaufstelle. Einen guten Ruf den sich das kleine Unternehmen aus Leipzig hart erarbeitet hat.

Ihr habt euer Unternehmen 2004 gegründet, wie kam es dazu und wie hat sich das alles im Laufe der Zeit so entwickelt?

Sebastian: Ooooh… Du hast Zeit? Aus meiner Perspektive spielten eine Menge Zufälle oder wohl einfach mein Weg eine Rolle und ich muss etwas weiter ausholen. Jan Winterfeld von Pluswelt, damals noch Electrope, habe ich 1997 bei einem Konzert von Beborn Beton/Mesh in Halle/Saale kennengelernt. Eine winzige Clubshow, bei der die letzte Reihe die zweite oder dritte war, und die Bühne auch nur nen halben Meter hoch. Da stand ich nun im Angesicht des Todes, in Form von Stefan Netschio (Beborn Beton), der mir sein Mikro unter die Nase hielt, um den Refrain von, ich glaube, Life is a Distance zu singen. Ich habe kläglich versagt. Mesh, die davor gespielt hatten, habe ich mir von einer bequemen Couch aus angesehen, aber überzeugt hatten sie mich damals irgendwie nicht. Das brauchte noch ein paar Monate, aber dann hatten auch sie mich mit aller Gewalt gefesselt. Es war eine Zeit in der ständig neue Bands und deren Websites aus dem Boden sprießten und ich wollte auch gerne was tun. Also ging es 1998 mit einer Fanseite für Mesh los, da war der Kontakt zu Jan extrem hilfreich und er hat mir viel ermöglicht (Danke, Jan).

Steffen Keth hatte ich bereits 1996 bei ihrer Fairyland-Show im Anker Leipzig kennengelernt und wir haben uns echt gut unterhalten, das erste und einzige Mal. Bis Steffen mich 7 Jahre später, 2003 aus heiterem Himmel anrief und fragte, ob ich nicht die offizielle Website der Band gestalten bzw. betreuen möchte. An sich schon eine große Überraschung, aber der Hammer war, dass er sich an mich erinnert hat und genau wusste, wer der Kerl war, mit dem er damals gesprochen hatte. Also ging es los mit einer weiteren Band-Website.

Heiko, die andere „Hälfte“ von POPoNAUT, hatte ich 2002, während der Who Watches Over Me Tour von Mesh kennengelernt und wir haben uns auf Anhieb gut verstanden.

Lange Rede, kurzer Sinn, Ende 2003 fragte mich Heiko, ob man nicht einen Shop für CDs aufmachen könnte. Ihn nervte es, dass keiner der etablierten Shops/Mailorder für die Szene auch unbekannten Bands ohne Label eine Plattform gegeben hat. Bandcamp, Mietshops  oder ähnliches gab es noch nicht und er konnte die CDs immer nur direkt und umständlich bei den Bands kaufen. Eine Marktlücke… Etwa zur gleichen Zeit fragte mich Steffen, ob man da nicht noch was machen könnte, um das Bandmerch auch außerhalb der Konzerte zu verkaufen. Und Jan überlegte, wie auch er zentral Tickets für die Shows seiner Künstler anbieten könnte. Damit war die Basis für POPoNAUT gelegt.

Heiko: Ja, und so gingen wir im Juni 2004 – noch mehr als Hobby – mit unserer Website von POPoNAUT online, um die ersten De/Vision Tickets und CDs zu verkaufen. Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir die Sachen die erste Zeit aus Sebastians Wohnzimmer versendet haben. Als er dann wenig später umzog, nutzten wir einen eigens dafür eingerichteten Raum. Auch nahmen wir damals Kontakt zu den Bands auf, die durch kein Label oder Vertrieb vertreten wurden, und waren erstaunt, wieviel positive Rückmeldung wir erhalten haben.

Ende 2006 wurde der Zeitaufwand immer mehr und die Räumlichkeit immer enger. Also machten wir das Hobby zum Hauptjob und uns auf die Suche nach einem geeigneten Büro samt Lagerfläche und wurden recht schnell fündig. Dort sind wir heute noch, mit einigen weiteren Vergrößerungen.

Wo wir früher fast ausschließlich CDs und DVDs, Tickets und Merch verkauft haben, ist heute ein Großteil unseres Lagers mit Vinyls gefüllt. Wer hätte das vor einiger Zeit noch gedacht.


Wie läuft bei euch ein typischer Arbeitstag ab?

Sebastian: Das kommt darauf an, um welchen Wochentag es geht und wen Du bei uns fragst. Wir sind zwar ein kleines Unternehmen, haben aber doch klare Aufgabenteilungen. Außer im Urlaub, oder wenn die Hütte mal brennt, dann muss jeder alles machen können. Für mich sind es überwiegend administrative Aufgaben, Wareneinkauf und Kundenservice, die sich über die ganze Woche und den Tag verteilen. Im Grunde verschieben sich da nur manchmal die Prioritäten, was zuerst erledigt werden muss. Der Kundenservice nimmt viel Zeit in Anspruch, ist aber eben auch sehr wichtig. Überwiegend per E-Mail, teilweise telefonisch und manchmal auch persönlich, wenn Kunden vorbeikommen. Der Wareneinkauf erfordert eigentlich „nur“ etwas Erfahrung, um den Bedarf gut einzuschätzen, ist sonst aber nicht so kompliziert. Das „administrative“ kann ganz schön nerven, wenn es an die Bürokratie in Deutschland und der EU geht, beinhaltet aber auch solche Dinge wie Verpackungsbeschaffung, Reklamationen bei den Paketdiensten, Müllentsorgung und Aufräumen, Bankgeschäfte bzw. Buchhaltung, Kontaktpflege mit Vertrieben, Labels, Bands und aber auch Ideen für Verbesserungen im Shop oder internen Prozessen zu finden.

Heiko: Ich bin hauptsächlich mit der Entwicklung der Webseite und unseren anderen Zusatztools beschäftigt. In der heutigen Zeit hat man immer mal etwas am bestehenden System zu verbessern oder EU-Vorgaben zu implementieren. Außerdem fülle ich unseren Shop mit Leben, also neuen Produkten und erstelle die monatlichen Abrechnungen für die kleineren Bands und Labels.

Und wenn eine große Veröffentlichung ansteht und alles an einem Tag versendet werden muss, dann packe ich mit an und unterstütze auch unser kleines Team beim Packen und Versenden der Bestellungen.


Habt ihr auch einen To Go Verkauf? Oder wäre sowas für euch denkbar? 

Sebastian: Du meinst, Kunden kommen vorbei zum CDs kaufen? Ja, das können sie gerne tun. Besser ist es natürlich wenn sie vorher anrufen. Zum Einen, um sicher zu stellen, dass auch jemand für sie da ist und, dass sie das bekommen, was sie haben wollen. Wir haben ja auch nicht immer alles auf Lager.


Erklärt doch mal den Prozess wie es dazu kommt, dass ihr neue Artikel in euren Shop aufnehmt. Bzw. können sich auch Newcomer bei euch melden, die gerne ihren Merch verkaufen möchten?

Heiko: Das ist nicht spektakulär und recht einfach zu erklären. Ich bin fast täglich damit beschäftigt, in den Listen der Vertriebe nach Neuigkeiten für unsere Kunden zu stöbern und die entsprechenden Produkte zeitnah zu listen. Gerade Letzteres nimmt sehr viel Zeit in Anspruch.

Auch Bandcamp oder Youtube, sowie Newsletter diverser Online-Magazine und Labels dienen mir als Quelle, neue Musik aufzustöbern und direkt einen Kontakt zu den Bands, Sängern, etc. aufzubauen.  Natürlich können sich auch Newcomer bei uns melden. Passt der Musikstil in unser Angebot, sind wir gern bereit, auch deren Produkte (CDs, Merchandise) bei uns anzubieten.


Nach der Wendezeit waren Mailorder wie Disc Center und Indietective Vorreiter, haben diese euch in gewisser Weise inspiriert?

Sebastian: Ja, Indietective hatte in den 90ern einen wirklich umfangreichen Katalog und als Mailorder super. Ich schätze, sie haben dann irgendwie die „Einführung“ des Internets verschlafen. Der Shop wuchs nicht mehr mit und ihre Preise waren vergleichsweise hoch. Wir waren damals der Meinung, dass geht in jeder Hinsicht besser. Aber ganz ehrlich, auch mit ganz viel Softwareentwicklungserfahrung auf Heikos Seite, stellt ein Shopsystem eine enorme Herausforderung dar. Die Systeme sind extrem komplex, schon aufgrund der erforderlichen Sicherheit für die Kundendaten, da zieht jede noch so kleine Änderung und Verbesserung eine enorme Kette nach sich. Nicht alles lässt sich so einfach und schnell umsetzen, wie wir uns das wünschen. 


Das Vinyl erfreut sich seit einigen Jahren wieder enormer Beliebtheit, Kaum ein Künstler, der nicht auf dieses Format inzwischen wieder setzt. Ist das „Comeback“ des Vinyl auch für euch ein Segen?

Sebastian: Ich mag das analoge Format, die Größe, das haptische einer Vinyl und den Klang. Auf eine gewisse Weise hat die Vinyl das Tonträgergeschäft wiederbelebt, obwohl es in meinen Augen nicht tot war. Aber gerade die Majorlabels und Vertriebe hatten es sich bequem gemacht und dachten, sie könnten in Zeiten von Downloads und später Streaming einfach so weiter machen und lieblose Produkte auf den Markt werfen. Wie so oft, waren es die unabhängigen kleinen Labels, die erkannt haben, dass man ein Produkt auch attraktiv gestalten kann, so dass es sich als Fan einfach gut anfühlt eine CD oder Vinyl auszupacken und in den Händen zu halten.

Heiko: Insofern ist die Vinyl ein Segen für uns und die Fans. Allerdings auch ein Fluch, weil sie und vor allem die Hüllen sehr empfindlich sind, und auf dem Weg zu uns oder zum Kunden gerne auch mal beschädigt werden. Geknickte Ecken oder durchgeschlagene Hüllen sind keine Seltenheit, aber durch immer bessere Verpackungen und die Erfahrung, wie man eine Bestellung möglichst sicher verpackt, können wir die Probleme minimieren.


Gab es auch Tiefpunkte, Momente, in denen ihr an der Zukunft eures Unternehmens gezweifelt hast?

Sebastian: Na klar, jede nationale oder internationale Krise ist auch für uns erstmal eine Erschütterung. Ob die Banken 2009, Flüchtlinge 2015, Corona 2020, Ukraine 2022, es führt immer zu einer Verunsicherung bei den Menschen und damit zu Kaufzurückhaltung. Meist für drei Monate und dann beruhigt sich die Lage und die Verkäufe ziehen wieder an. Auch uns verunsichert das und wir wissen nicht, wie und ob es weiter geht. Nur bisher ging es immer weiter.


Die Corona Pandemie hat von uns allen sehr viel abverlangt. Wie seid ihr als Unternehmen durch diese Zeit gekommen?

Sebastian: Corona war anders als alle anderen Krisen. Wir wussten nicht, was da auf uns zukommt, aber letztendlich haben wir in der Zeit hervorragend verkauft und es hätte noch viel mehr sein können, wenn diesmal nicht die Lage für die Künstler prekär gewesen wäre. Da teilweise keine Konzerte oder Tourneen stattfinden konnten, wurden so einige Veröffentlichungen verschoben, die uns dann wieder gefehlt haben. Für uns war es insofern kein Drama, wir haben normal weitergearbeitet, aber für befreundete Musiker, Veranstalter und Crews war es eine harte Zeit, zumal sie auch völlig im Regen stehen gelassen worden sind. Das Krisenmanagement war nicht wirklich gut, leider.


Gibt es auch Platten/Künstler, die ihr aus einer bestimmten Überzeugung heraus nicht verkauft, obwohl sie zum Repertoire gehören?

Sebastian: Ich vermute, es geht Dir dabei um Politik oder MeToo. Das ist ein schwieriges aber auch spannendes Thema. Grundsätzlich habe ich mit Menschen Probleme, die zu Gewalt, Unterdrückung, Repression, etc. gegen andere aufrufen oder es selber tun, bloß weil sie ihre Meinung nicht teilen, einen persönlichen Vorteil suchen oder ihnen irgendwas nicht passt. Und da mache ich keine Unterschiede und keine Abstriche, das gilt für alle.
Das Problem, bei Deinem (von mir vermuteten) Gedanken ist, dass ich dazu mit dem betreffenden Künstler ein Gespräch führen müsste, um herauszufinden, was wirklich los ist, wie er oder sie ist. Nur vom Hörensagen irgendwen zu verbannen, halte ich persönlich für schwierig. Was nicht heißt, dass ich manches bzw. manchen nicht auch grenzwertig finde. Aber in der heutigen Zeit, die von Empörungswellen bei Twitter und Facebook geprägt ist, fällt es wirklich schwer sich ein klares Bild zu machen. Und ich bin auch nur ein Mensch, und damit immer subjektiv. Kann ich mir da wirklich anmaßen über andere zu urteilen?


Kennt ihr Künstler persönlich oder seid sogar mit welchen befreundet?

Sebastian: Mit Steffen und Thomas (DE/VISION) und Mark und Rich (Mesh) bin ich freundschaftlich verbunden. Persönlichen Kontakt habe ich aktuell noch mit Daniel Graves (Aesthetic Perfection). Durch die Arbeit haben wir natürlich noch mit sehr vielen anderen Künstlern Kontakt. Und die Musiker aus Leipzig trifft man ja sowieso von Zeit zu Zeit. Mit manchen Künstlern hatte ich bisher leider nur telefonisch oder per E-Mail Kontakt. Aber vielleicht klappt es doch noch irgendwann… Auch ich habe da noch eine kleine Wunschliste. ;-)

Heiko: E-Mail- oder Telefon-Kontakt habe ich zu vielen Bands aufgrund der Zusammenarbeit. Die wenigsten trifft man jedoch privat. Und wie Sebastian schon sagte, trifft man auch viele Bandmitglieder bei Konzerten.


Macht ihr auch das komplette Merch für bestimmte Bands und habt ihr auch Merch Stände auf Festivals?

Sebastian: Das haben wir nur mit DE/VISION gemacht, sind in dem Bereich aber nicht mehr wirklich aktiv. Viele Musiker machen das lieber exklusiv selber, was auch gut nachvollziehbar ist, da Tonträger nicht viel abwerfen und sie ja trotzdem irgendwie Geld verdienen müssen. Selbst jene, die es nur als „Hobby“ betreiben. Instrumente, Studiotechnik, Aufnehmen, Mischen und Mastering, Vervielfältigung kosten Geld und da bleiben oft nur Liveauftritte und die Einnahmen aus den Merchverkäufen.

Heiko: Einen Merchstand oder Tonträgerstand auf einem Festival lohnt sich für uns nicht. Die Margen bei CDs und Vinyls sind zu niedrig, um die Kosten dafür zu decken. Beziehungsweise müssten wir eine utopische Menge an Tonträgern verkaufen, um danach mit Gewinn nach Hause zu fahren. Zumal das logistisch eine Herausforderung ist, vor allem in der Planung, bei der Frage: was nehmen wir mit?
Die auftretenden Bands haben meist ihre eigenen CDs/Vinyls dabei, wozu sollten wir die dann auch noch anbieten?


Apropos Festivals, 2014 habt ihr im Werk 2 euer 10-Jähriges mit einer fetten Party gefeiert. Mit Szene Größen wie De/Vision und Mesh, um nur einige zu nennen. Wie kam es zu dieser tollen Idee, und habt ihr ähnliche Pläne für euer 20-jähriges Jubiläum?

Heiko: Wir hatten einfach Lust darauf. Wir wollten es einfach feiern, aber auf eine „normale“ Party hatten wir keine Lust, also blieb nur ein kleines Festival. Da ich mit Veranstaltungen nicht ganz unerfahren bin und wir tolle Partner haben, ließ sich das für uns prima umsetzen. Im Übrigen hatten wir zum 15. Geburtstag auch wieder ein Festival veranstaltet, diesmal allerdings unter dem Namen E-WELT.

Sebastian: Ja, Pläne für unser 20-jähriges gibt es. Lass Dich überraschen!


Was hört ihr privat so für Musik und welche Konzerte stehen in diesem Jahr auf eurem Plan?

Heiko: Ich höre privat sehr viel Musik, allein um auf dem Laufenden zu bleiben. Dabei belasse ich es nicht bei der Szene-Musik. Das Spektrum reicht vom allmorgendlichen Radio-Gedudel über Techno, Melodic House, griechische/orientalische Popmusik bis hin zu Chamber Pop. Dabei entdecke ich für mich so manche Perlen, wie z. B. Deltium oder Exit North. Für 2023 ist eigentlich nur das NCN Festival bei uns in der Nähe geplant.

Sebastian: Irgendwie zwangsläufig gehören DE/VISION und MESH zu meinen Favoriten, genauso wie Apoptygma Berzerk und Assemblage 23. Aber auch bei mir geht es weit über die Szene hinaus. Ich höre auch gerne mal P!nk, Amy MacDonald, Killers, The National und viele andere. Oder auch klassische Musik, denn von da komme ich ursprünglich familiär und beruflich. 😉


Wir danken euch sehr für das tolle Interview und wünschen euch weiterhin viel Spaß an eurem Job und macht weiter so eine tolle Arbeit!

Wir danken Dir für das schöne Gespräch und hoffen es geht mit der spannenden Interview-Serie weiter.

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