Im Interview: Jan Winterfeld

von Marcel / 2022

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Nach unserer Spendenaktion für Pluswelt Promotion blieben wir mit Jan im Kontakt und im Frühjahr 2022 fragte ich Jan ob er nicht Lust auf ein Interview für unseren De/Vision Fanclub hätte. Einfach mal über seine Arbeit plaudern, all die Dinge die ihn in den vergangenen zwei Jahren bewegten. Und dies waren eine ganze Menge. Die Corona-Pandemie verhinderte die meisten geplanten Events. Musikbegeisterte, die gerne ihre Bands hören und live sehen wollten, mussten auf Auftritte verzichten. Bands, die nicht spielten, und Konzertveranstalter, die um das blanke Überleben kämpften und es auch nach wie vor noch tun...

 

Jan, ich freue mich das Du dir die Zeit für uns nimmst. Gerade in der aktuellen Situation sicher nicht selbstverständlich. Wie ich Eingangs schon erwähnte…seit zwei Jahren befinden wir uns nun in dieser Pandemiewelle deren Ende nach wie vor nicht absehbar scheint.

Deine Gedanken zu der ganzen Situation?

Freut mich, dass ich derjenige bin, den Ihr auserkoren habt.

Schwierig zu beschreiben. Zum einen befinden wir uns gerade in einem Wintermonat und inmitten einer heftigen Welle. Konzerte finden so gut wie gar nicht statt, und es kaufen auch wenige Leute Tickets, weil sie A. verunsichert sind und B. schon so viele Tickets zu noch nicht stattgefundenen Konzerten zu Hause an der Pinnwand haben. Verständlich aus deren Sicht. Schwierig nur für uns, damit zu wirtschaften.

 

Glaubst Du, dass sich die Eventbranche nach Corona verändern wird?

Aber ganz sicher. Es wird ein Überangebot an Konzerten und Aufführungen geben, weil jeder Künstler ja wieder auf die Strasse will nach so langer Abstinenz. Die nächsten 3-5 Jahre werden eine logistische Katastrophe werden, und nicht selten spielen Bands mit ähnlicher Fan-Schnittmenge zeitgleich in derselben Stadt. Das ist kaum zu vermeiden. Veranstaltungen werden definitiv teurer werden müssen. Ergo wird es für junge, kleine Bands schwerer, sich durchzusetzen, weil ein Ticketkäufer lieber einmal zu einer großen Band geht, statt auf drei kleinere Shows mit etwa gleichen Ausgaben.

 

PLUSWELT PROMOTION veranstaltet Konzerte schon über viele Jahre. Wie kam es dazu?

Och, im zarten Alter von 17 Jahren war ich befreundet mit einer – sagen wir mal – Schülerband, die sich schon damals eher der elektronischen Musik verschrieben hat. Ich war damals der einzige mit einer Schreibmaschine. „Sag mal, kannst Du nicht mal was für uns tippen?“ Fortan war ich das Sprachrohr der Band. 1992 hatten wir es damals ins Vorprogramm von DE/VISION „geschafft“. Im Hamburger Logo gab es da 65 Mark Gage. Ich konnte von meinem Anteil dann ein wenig Porto und die Telefonrechnung bezahlen. Das ist übrigens kein versteckter Wink auf das Wirtschaften der Hauptband des Abends, die Situation für junge, aufstrebende Bands hat sich bis heute nicht gebessert. Weil das Geld so knapp war, habe ich mir von einem guten Freund die Tontechnik beibringen lassen und das zusätzlich mitgemacht.

 

Wie hat sich das in den letzten Jahren entwickelt?

In den 90ern war alles verhältnismäßig easy. Es gab wenig Konkurrenz, was Agenturen angeht, man konnte relativ schnell wachsen. Mit den 2000ern schlug das ein wenig um, man musste sich als Einzelkämpfer gegen größere Agenturen behaupten, was nicht immer gelang.

 

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Jetzt gerade? Ich schlafe aus und trinke viel Wein!

Nein, ich fahre trotzdem dreimal die Woche ins Büro und arbeite ansonsten von zu Hause aus. Man möchte sich auf das Ende der Pandemie, wann immer das auch sein mag, konzentrieren und dann natürlich wieder durchstarten. In den nächsten Monaten und Jahren wird es ein Überangebot an Konzerten geben. Jeder Musiker war lange nicht auf der Bühne. Nahezu alle haben Blut geleckt und möchten wieder raus.

 

Was genau sind deine Kernkompetenzen bzw. Aufgaben, die du für „deine“ Bands zu erledigen hast? Inwiefern ist man dabei „Mädchen für alles“? 😉

Es kommt ganz drauf an. Die reine Konzert-Agentur leiert eine Veranstaltung an, schlägt die Brücke zwischen örtlichem Veranstalter und dem Künstler oder dessen Management, stellt einen Vertrag aus und kümmert sich um die Bezahlung. Wir haben von Anfang an (also seit den 90ern) der tourenden Band einen umfassenderen Service geboten. Dazu gehört die Anmietung von Fahrzeugen, Organisieren der Crew, Anmietung von Extra-Technik, wenn man sich nicht mit der Haustechnik des Clubs zufriedengeben wollte. Bei ausländischen Bands haben wir zudem Reisen gebucht vom Flughafenparkplatz in Heathrow bis zu einem Zubringerbus in Oslo sowie deren Instrumente in Hamburg eingelagert, damit beispielsweise Schlagzeuge weder eingeflogen noch angemietet werden müssen. Und so ganz nebenbei stand ich nicht selten am Mischpult bei einer Show.

 

Was war das kurioseste Erlebnis auf Tour?

Da gibt es Hunderte!

Ein einschneidendes Erlebnis allerdings war die COMBICHRIST-Europa-Tournee 2011. Es gab damals auf „Myspace“ eine Morddrohung gegenüber der Band, wo dann für das Konzert in Belgrad u.a. die Sprengung des Gebäudes angekündigt wurde. Damals (wie vermutlich auch heute noch) befand sich das US-Konsulat im selben Gebäude wie der Auftrittsort. Der damalige Manager der Band, aus Kalifornien agierend, hatte das Thema an die örtliche Polizei übergeben. Die hat es sofort ans FBI weitergeleitet. Wir sind trotzdem hingefahren und wurden ab der kroatisch-serbischen Grenze mit Polizei nach Belgrad eskortiert. Um den Busfahrer nicht zu beunruhigen, hatte ich ihm im Vorfeld nichts erzählt. Er wurde aber von der Polizei beim Geleiten genötigt, 120 km/h zu fahren, wo doch mit einem Doppeldecker-Bus mit Anhänger nur 80 erlaubt und auch ratsam sind… Ich hatte selten solche Erklärungsnöte.

 

Mit welcher Band würdest du gerne mal zusammenarbeiten?

Keine Ahnung. Gibt vermutlich keine Band, bei der ich unbedingt dabei sein möchte. Ich würde gern mal in der Logistik einer größeren Tournee (beispielsweise einer Stadion-Tournee) mitwirken. Wahrscheinlich hab ich aber dann keine Freizeit mehr…

 

Welches war das größte Konzert bisher, das du organisiert hast?

Also bei Konzerten müsste ich tatsächlich grübeln. Die größte Herausforderung war aber, auf einer RAMMSTEIN-Arena-Tournee eine amerikanische Vorgruppe zu betreuen, alles vorzubereiten und durchzuführen. Ich hab damals viel gelernt, wie man sich als „Support“ verhält bzw. der Produktion der Hauptband, die aus 180 Mann Crew (plus die lokalen Helfer) besteht, aus dem Wege geht.

 

Wie lange dauert es, eine Tour zu planen?

Auch hier gibt es keine Faustregel. Habe ich eine deutsche Band, die mit eigenem Equipment und eigenen Fahrzeugen 5 Konzerte in ausgewählten Städten spielen möchte, ist es vergleichsweise wenig Aufwand.

Habe ich aber eine amerikanische Band, die Anfang Juli ein Festival und Mitte August ein weiteres Festival in Europa spielt und die Zeit dazwischen 6 Wochen touren möchte, ist das quasi schon ein organisatorisches Spektakel, welches dich wochenlang auf Trab hält. Ganz besonders dann, wenn verschiedene Nationen im Spiel sind, visa-pflichtige Länder bespielt werden sollen, ein oder gar mehrere Tourneebusse gebraucht werden sowie Instrumente angemietet werden müssen. Das zum Thema Vorproduktion. Während der Tournee ist es dann nicht selten mit Haareraufen bei Grenzübertritten in Osteuropa verbunden. Wenn dann noch -30 Grad in Russland herrschen, Doppelfahrer ein- und ausgeflogen werden müssen, die Bustoilette einfriert und an einer Grenze Kuscheltiere und Teebeutel aufgeschnitten werden wegen Verdacht auf Drogenbesitz, dann gute Nacht!

 

Kennst Du mittlerweile alle WLAN-Passwörter der Locations? 😉

Nein, aber mein Telefon!  Und ja klar, erinnert man sich dran, weil sie selten jemand ändert. Nach Abriss der alten Batschkapp in Frankfurt war ich danach einmal als Besucher in der neuen. Und der Zugang war immer noch derselbe!

 

Habt ihr schon mal ein Hotelzimmer auseinandergenommen?

Interessant, dass Du das fragst. Ist das, was man so denkt über Menschen im Tourleben? Warum sollte ich das tun? Ich habe sicherlich schon einmal die Rechnung eines Hotels für etwaige Beschädigungen seitens eines Musikers bezahlt, aber derart auseinandergenommen wurde zumindest von meinen Leuten nichts. Die meisten sind ohnehin viel zu brav und konzentrieren sich auf das Wesentliche: die Musik!

 

Bist du mit allen Bands auch befreundet oder gibt es zu einigen lediglich ein reines „Arbeitsverhältnis“

Mit den meisten bin ich das, ja. Wenn man einmal zusammen auf Tournee war, dann entsteht beinahe automatisch ein freundschaftliches Verhältnis draus.

 

Gibt es Bands, die du regelmäßig begleitest bei ihren Auftritten oder ist das eher die Ausnahme?

Da gibt es keine Faustregel. Aber insbesondere die Bands, die ich bereits seit den 90ern begleite, sind es quasi gewohnt, dass ich dabei bin. Da sind dann öfter mal lange Gesichter zu sehen gewesen, wenn ich mal absagen muss.

 

Welche Rolle spielen Nachwuchsbands in deinen Konzerten?

Nun, in meiner Anfangszeit habe ich viele belächelt. Heute werfe ich schon ein Auge drauf, wenn eine Band im Vorprogramm Beachtung findet. Leider Gottes kommt es sehr oft vor, dass unter „special guests“ oft wenig Qualität hervorkommt oder das Publikum auch einfach nur die altbackenen Bands sehen möchte und akzeptiert. Jede Vorband von DEPECHE MDOE beispielsweise hat es aus diesem Grund extrem schwierig. Der typische Besucher wartet einfach nur auf die Hauptband.

Eine rühmliche Ausnahme bilden seit ungefähr 5 bis 6 Jahren EMPATHY TEST. Ich wurde auf einem Festival von mehreren Leuten aus der Musikindustrie angesprochen: „Jan, Jan, guck sie Dir an!“. Ausnahmsweise hab ich das mal gemacht und es nicht bereut. Ich habe daraufhin die Band dann bei etwaigen etablierteren Acts im Vorprogramm und zudem auf Festivals eingebaut, und heute ist der Name bereits ein mehr oder weniger gestandener.

 

 Wie entscheidet sich, wer wie wann wo Vorband wird?

Das ist komplett verschieden. Manchmal bringt die Hauptband Ideen und Vorschläge mit, manchmal der örtliche Veranstalter, manchmal kommt eine aus unserem Hause. Oder diejenige Vorband meldet sich zum richtigen Zeitpunkt bei der richtigen Person.

Was war dein größter Erfolg bisher?

Persönlich? Vermutlich das Ende einer jeden Tournee mit COMBICHRIST. 🤷‍♂️

Ansonsten hat vermutlich jeder Künstler sein eigenes Highlight in Erinnerung. Mir fällt da spontan jetzt kein Event ein, welches PLUSWELT entscheidend vorangebracht hätte. Ah, 1999 bin ich nach Norwegen geflogen und habe quasi APOPTYGMA BERZERK „eingepackt“ und somit den Battle gegenüber anderen Agenturen gewonnen. Das war sicherlich nicht der größte Erfolg, aber wohl ein Highlight.

Vielen Dank für das Gespräch!

Aber sehr gerne doch!